unser Weg zu Montessori

Emil war sehr schwer krank als er auf die Welt kam. Er hatte eine rechtsseitige Zwerchfellhernie und musste zweimal operiert werden. Als ich ihn das erste Mal im Arm halten durfte, war er bereits 11 Tage alt. So sehr dieser Moment erfüllt war von Mutterglück und Stolz und Liebe, so hatte ich ganz tief drin die Angst, dass wir keine gute Bindung zueinander haben würden, da uns die wertvollen ersten Stunden fehlten.

Als er dann nach vier Wochen Intensiv-Station endlich nach Hause durfte, waren wir (vor allem ich) so unsicher und auch immer noch sehr ängstlich. Jedes mal wenn er Schluckauf hatte, habe ich ihn vor meinem geistigen Auge wieder verkabelt in seinem Bettchen auf der Intensiv liegen sehen...
Ich konnte absolut nicht loslassen und klammerte und gluckte und überbehütete ihn über Monate hinweg. Bei dem kleinsten Nieser bin ich regelrecht zusammen gezuckt und wenn Emil mal eine Stunde nur mit dem Papa spazieren war, bin ich wie angestochen in der Wohnung auf und ab gelaufen und hab vor Angst und Sorge richtig Panik geschoben.







Mit der Zeit verlor ich zwar immer mehr meine Angst jedoch nahm ich ihm weiterhin jede größere Anstrengung ab - als er mit dem Robben begann und ein Spielzeug erreichen wollte, gab ich es ihm schon bevor er auch nur versuchen konnte es selbstständig zu erreichen. Wie sehr ich ihn mit meinem Verhalten in seiner Entwicklung behinderte, merkte ich gar nicht. Ich wollte ihm etwas Gutes tun, ich wollte unsere verlorene Zeit damit wieder gut machen indem ich ihm jegliche Arbeit abnahm. 
Zwar wurde meine Angst, er könne jeder Zeit wieder im Krankenhaus landen, von Woche zu Woche weniger, aber der Moment der mir endgültig die Augen bezüglich meines Verhaltens öffnete war folgender: 

Emil zog sich eines Tages am Sofa hoch, stand da eine Weile rum und rutschte dann in seinen Socken ganz langsam vom Sofa weg (stand dadurch ganz schräg da) und begann zu schimpfen. Programmiert wie war, wollte ich ihm zu Hilfe eilen und ihn aus dieser Situation befreien. Doch Felix (Mann im Haus und Augenöffner) hielt mich auf und sagte: warte noch, er schafft es bestimmt auch allein. 

Kaum hatte er es ausgesprochen, machte Emil seinen ersten Schritt - somit stand er wieder ganz nah am Sofa in den folgenden 10 Minuten ließ er sich nun lachend vom Sofa wegrutschen um dann wieder einen Schritt nach vorn zu gehen.
Ich heulte vor Freude über seine ersten Schritte, aber mehr noch weil ich schmerzlich zu begreifen begann was ich all die Monate angerichtet hatte.






Ich begriff, dass er diese Freude über seine ersten Schritte in diesem Moment nur so herzhaft lachend genießen konnte, weil ich ihm nicht dazwischen gefunkt hatte. Im Geiste spulte ich die letzten Monate zurück und sah die ganzen Fehler, die ich begangen hatte, auf einmal ganz klar und deutlich vor mir. 
Noch am gleichen Abend begann ich mit meiner Suche nach: Selbstständigkeit und Freiheit für Kleinkinder.

Und da wären wir auch schon - Blogs, Videos, Bücher, Vorträge, Bilder über, von und mit Maria Montessori. Ich war von Anfang sehr angetan und je mehr ich erfuhr, desto faszinierter wurde ich.

Darauf folgte eine Zeit in der ich glaubte, es genüge Emil eine kindgerechte Umgebung zu gestalten und ihn "einfach los zulassen". 

Dass das Ganze ein jahrelanger Prozess werden würde und vor allem viel Arbeit an meinem eigenen Verhalten, meiner Einstellung und meiner Haltung ist, war mir zu dieser Zeit nicht wirklich bewusst. Auch die Tatsache, dass Emil von heute auf morgen mit dieser neuen Freiheit gar nicht umgehen konnte, begriff ich nur langsam.

Heute nach fast 3,5 Jahren ist es schon so viel leichter - man lernt zum Glück aus seinen Fehlern. Auch fühle ich mich heute viel sicherer in meinem Denken und Handeln bezogen auf meine Jungs und das wirkt sich wiederum auch auf sie aus.
Was jedoch bleibt sind die Schuldgefühle, die immer wieder mal in mir hochkommen wenn ich daran zurück denke, wie sehr ich Emil damals eingeengt habe.


4 Kommentare:

  1. Danke fürs Teilen eurer persönlichen Geschichte. Es ist doch schön, dass du diesen neuen Weg vergleichsweise früh für euch entdeckt hast. Dadurch konnte Emil nun schon so viel Zeit mit dieser wunderbaren Freiheit verbringen und hat auch noch ganz viel Zeit vor sich. Sein Bruder (und all die anderen Kinder, deren Eltern du mit deinem Blog inspirierst) ebenfalls. Für die kurze Zeit am Anfang, wo es im Rückblick (verständlicherweise) noch nicht so optimal lief, solltest du einfach nachsichtig mit dir selbst sein. Alles Liebe auf eurem weiteren Weg!

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    1. Vielen lieben Dank für deinen Kommentar - oft habe ich das Gefühl, dass mein Verhalten von damals heute noch daran zu erkennen ist, dass er beispielsweise ängstlich ist was das Klettern etc angeht.
      Nachsichtig hach ja.... man will ja immer das Beste für seine Kinder geben und dann war man selbst aber die größte Hürde.
      Im Moment versuch ich meine Gedanken mehr auf das hier und jetzt zu lenken als in die Vergangenheit abzuschweifen..
      Nochmals vielen Dank und alles Gute

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  2. Wunderschöne, berührende Geschichte!! Danke fürs Erzählen!
    Schuldgefühle bringen einen leider nicht weiter... (-aber es ist natürlich verständlich, dass sie ab und zu hochkommen) Mir geht es des Öfteren so, dass ich mir denke das und das und dies und jenes versäumt zu haben, weil ich es einfach absolut nicht schaffe bei allen meinen fünf Kindern auf alles so einzugehen, wie ich es im Grunde genommen gerne täte... - aber da hilft halt alles nix, und ich komm nicht umhin, auch auf mich zu schauen...
    Du musst dir immer dessen Bewusst sein, dass du zu jedem Zeitpunkt das (damals) für dich absolut Richtige getan hast!! Ganz, ganz sicher! Du hast aus bestem Wissen und Gewissen heraus gehandelt und du und dein Sohn seid einfach wunderbar !
    Macht jetzt alle vier nur weiter so toll!!
    Herzlichste Grüße aus Österreich :)

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    1. Vielen Dank, aber bei 5 Kindern und deinen damit verbundenen Gedanken, sind meine großen Startschwierigkeiten stark am verblassen.
      Neulich hab ich irgendwo gelesen: wenn es den Eltern gut geht, dann geht es auch den Kindern gut. Es ist so so so wichtig sich nicht selbst zu vergessen und das fällt mir schon mit zwei Jungs oft nicht leicht. Das steck in uns Müttern wahrscheinlich ganz tief - zuerst die Kinder und dann man selbst.
      Ich danke dir von ganzem Herzen für deine lieben Worte. Ich wünsche euch alles Liebe und viele gemeinsame Momente zum Genießen.

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