Über die Ordnung bei kleinen Kindern

"Für das Kind ist die Ordnung das, was für uns der Boden ist, auf dem wir stehen, was für den Fisch das ist, in dem er schwimmt." 
Maria Montessori, Kinder sind anders*


Es war letztes Wochenende als Emil mit seiner kleinen Freundin, Lise, Verstecken spielte. Diese beiden sind mit ihren 3 bzw. 3,5 Jahren noch mitten in der sensiblen Phase für die Ordnung und so suchten sich doch tatsächlich immer an der selben Stelle. 
Lise hockte immer in dem selben Busch und Emil schielte immer hinter dem selben Baum hervor, sie waren überglücklich sich gegenseitig zu suchen und sich dabei immer an der selben Stelle wiederzufinden. 
Ihre kleine Versteckspielwelt war in Ordnung - bis Lises großer Bruder Otto (7 Jahre) kam. 

Otto versteckte sich nämlich bei seinem zweiten Durchgang an einem anderen Ort und schon gab es großes Geschrei bei den zwei Kleinen. Sie waren beide mehr als entsetzt darüber, dass er sich nicht da aufhielt wo sie ihn vermuteten. 




"Um die Außenwelt kennenzulernen und sich in ihr zurechtzufinden, bedarf das Kind einer Ordnung, die einen Teil seines Lebens ausmacht, und die es verteidigt, wo es nur kann. 
Es liebt die Dinge seiner Umgebung immer auf dem gleichen Platz zu sehen und ist selbst bemüht, diese Ordnung, wenn sie einmal gestört ist, wieder herzustellen." 
Maria Montessori, Grundlagen meiner Pädagogik*



Aufgrund dieser Tatsache wird das Ordnungsbedürfnis ab einem gewissen Zeitpunkt im Leben des Kindes zu einer Art Aufforderung aktiv zu werden. Das Kind registriert eine Unordnung und beseitigt sie aktiv. 
Für Emil beispielsweise ist diese äußere Ordnung sehr, sehr wichtig. Einmal habe ich seine kleine Gießkanne benutzt und auf dem Balkon stehen lassen - es fiel ihm sofort auf, dass in seiner Haushaltsecke etwas nicht stimmte und fragte auch sofort nach seiner Gießkanne. Oft hörte ich auch Sätze wie: "nein, das kommt aber dahin", "das gehört dort nicht rein", "das hat doch seinen festen Platz auf dem Regal" - das ist die Ordnung, die da aus ihm spricht. Viele Wutausbrüche von Emil kann ich mir heute im Nachhinein besser erklären - er hat sich in seiner geordneten Welt gestört gefühlt (durch Unwissenheit oder aber auch Unachtsamkeit meinerseits) und es durch Wut und "Trotz" zum Ausdruck gebracht hat.


"Es mag verwunderlich und verstiegen klingen, wenn wir behaupten, daß das Kind eine Empfänglichkeitsperiode für äußere Ordnung durchlebe; herrscht doch allgemein die Überzeugung, das Kind sei seiner Natur nach unordentlich." 

Maria Montessori, Kinder sind anders*


Doch nicht nur eine übersichtlich und aufgeräumte Umgebung, sondern auch ein geregelter Tagesablauf und immer wiederkehrende Rituale befriedigen das Bedürfnis nach Ordnung von kleinen Kindern. 
Sie geben ihnen Sicherheit, Geborgenheit und sie ermöglichen Selbstständigkeit. 





"Ordnung bedeutet, die Lage der Gegenstände im Raum kennen, sich an die Stelle erinnern, wo jedes Ding sich befindet. Das wieder bedeutet, sich in seiner Umwelt zurechtzufinden und sie in allen ihren Einzelheiten zu besitzen. Besitz der Seele ist nur diejenige Umwelt, die man kennt, in der man sich mit geschlossenen Augen bewegen und jeden gesuchten Gegenstand wiederfinden kann." 
Maria Montessori, Kinder sind anders*


Durch diese Sensibilität für die Ordnung ist das Kind nun in der Lage die Beziehung zwischen einzelnen Dingen zuerkennen. Denn nur wenn das Kind die Zusammenhänge seiner Umwelt kennt, kann es sich in ihr orientieren, sich darin bewegen und darin seine Ziele erreichen. 

Ohne diese Beziehungen zwischen den Dingen würde das Kind nicht wissen, dass das Sofa im Wohnzimmer steht, dass das Wohnzimmer links neben der Küche ist, dass die Oma einen Hund hat, dass die Musik lauter wird, wenn es auf das "+ Zeichen" drückt usw. 

Das Kind schafft sich diesen Orientierungssinn selbst - sie ist quasi sein geistiger Besitz. 

Es beginnt für sich ganz allein Merkmale von verschiedenen Gegenständen zu unterscheiden und sie danach zu ordnen. Groß oder klein - lang oder kurz - hell oder dunkel - bekannt oder unbekannt - angenehm oder unangenehm.

Wir können unsere Kinder demnach in ihrem Drang nach Ordnung unterstützen, indem wir ihre Umgebung klar, offen und übersichtlich für sie und mit ihnen strukturieren und gestalten - weniger ist wahrlich mehr, denn es hilft den Überblick zu behalten (es fällt einfach leichter 5 Spielzeuge in ein Regal zu räumen als 25). 
Wiederkehrende Rituale sowie ein fester Tagesablauf sind ebenso wichtig, wie das Wissen um diese ganz besondere Sensibilität bei unseren Kindern.





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