neue Wege gehen

Es war einer dieser Momente bei dem man vor seinem eigenen Kind steht und sich fragt: Und wer bist du eigentlich? Wo ist bitte mein Kind abgeblieben?

Plötzlich auftretende vollkommen neue Verhaltensweisen sind, wie ich finde, zunächst vor allem eines: anstrengend. Wohl vor allem deswegen, weil der bisherige Weg komplett unbegehbar scheint. Man erkennt den kleinen Menschen gegenüber kaum wieder und ist unsicher darüber was im inneren des Kindes alles brodelt.

In dem Buch "Das Kind verstehen, Entwicklung und Erziehung von 0-3 Jahren nach Maria Montessori"* stieß ich auf eine sehr bezeichnende Entwicklungsphase, welche in dem Buch als Krise des Ungehorsams bezeichnet wird. 

"Die dritte Entwicklungskrise macht das Kind mit 30-36 Monaten durch, und mit dieser Krise schließt es die erste große Phase seiner Persönlichkeitsbildung ab. An ihr zeigt sich, dass das Kind einen weiteren großen Schritt auf dem Weg zur Unabhängigkeit und Menschwerdung getan hat. Die Kinder wollen jetzt vor allem eines von ihrer Umwelt: als Individuum anerkannt werden."




Die alltäglichsten Dinge, die bisher von Emil einfach akzeptiert wurden, werden nun bestritten und hart umkämpft. Das fängt bei der Auswahl des Unterhemdes an (die natürlich alle gleich weiß sind, aber das, welches ich ihm am Abend zuvor rausgesucht habe, wird natürlich nicht angezogen, weil es schlicht das Falsche ist .. ) und endet bei der Einforderung eines Mitbestimmungsrechtes bei der Auswahl der neuen Kissenbezüge. Nein, nein, nein, nein, nein. Den ganzen Tag.

"Die Krise beginnt damit, dass das Kind auf praktisch alle Vorschläge, die wir ihm machen, mit 'Nein' antwortet und dadurch demonstriert, dass es keineswegs immer bereit ist, uns einfach so zu gehorchen." 




"Wir sollten ihm das Gefühl vermitteln, dass es wichtig ist und zu nichts gezwungen wird, was es nicht tun will; dass seine Meinung zählt und dass es genau wie wir am Leben in seiner Umwelt teilnehmen kann."

Und das am Besten in allen auftretenden "Eckpunkten". Bei uns wurde zum Beispiel ein extra Brett im Kinderkleiderschrank eingebaut und nun kommt Emil selbstständig an den Großteil seiner Kleidung heran - er entscheidet selbst. 
Wenn es jedoch darum geht bei der derzeitigen kalten Wetterlage eine Mütze aufzusetzen oder nicht - sieht es schon wieder ganz anders aus. Da sind wir mittlerweile dazu übergegangen, dass er eine Mütze in unseren Rucksack steckt, wenn er keine aufsetzen möchte und wenn er dann anschließend draußen selber merkt, dass es kalt ist seine Mütze jederzeit einfordern kann. So sind wir schon des öfteren ohne Mütze, ohne Jacke und tatsächlich auch schon ohne Schuhe aus dem Haus gegangen.

"Das bedeutet natürlich keineswegs, dass man dem Kind sämtliche Entscheidungen überlässt und sich blind seinem Willen unterwirft. Doch wo es möglich ist, sollten wir es an unseren Entscheidungen beteiligen und ihm (...) die Wahl lassen. Auch wenn uns eine andere Wahl lieber gewesen wäre, sollten wir die des Kindes dann jedoch auch akzeptieren.
Zu wirklicher Zusammenarbeit kommt es nur, wenn diese freiwillig geschieht. Unser Ziel ist dabei, einen Menschen hervorzubringen, der sich geachtet fühlt und deswegen auch andere Menschen und die Umwelt achtet und der auch bereit ist, Verantwortung zu übernehmen. 
Nur derjenige kann eine gute Entscheidung treffen, der gelernt hat, die Folgen seiner Entscheidung abzuwägen."

In Situationen bei denen ich es verantworten kann, dass er sich selbst ausprobiert in seinen Entscheidungen, lasse ich einfach zu und schaue wie er selbst mit seiner Entscheidung zufrieden ist.
Auch der Frust, der bei einer falschen Entscheidungen aufkommt, darf sein und er ist stark genug dieses Gefühl zu spüren - er ist nicht allein, aber er darf sich selbst erfahren und lernen, dass manche Entscheidungen leichter fallen als andere.

Seitdem Emil ohne seine Gummistiefel los marschiert ist, natürlich gleich nasse Füße bekam und gleich wieder umdrehen wollte, um trockene Socken und Schuhe anzuziehen - kommt dieser Protest beim Thema Schuhe anziehen gar nicht mehr auf. 
Es kostet natürlich alles wesentlich mehr Zeit und viel Geduld dem Kind diesen Freiraum zu gewähren. 
Das hat bei mir oftmals nicht allzu viel mit entspanntem Zurücklehnen zu tun, sondern eher mit dem innerlichen Kampf mich selbst mehr und mehr zurückzunehmen.



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3 Kommentare:

  1. Sehr guter Beitrag! Gefällt mir. Solche Momente wird es hier auch sicher noch oft geben.

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  2. Hallo Susan!
    Ich kenne dich und deine Photos von Instagram - wo ich Madamemops bin! :)
    Habe erst vor kurzem gemerkt, dass du auch einen Blog hast und lese gerade begeistert!

    Werde ich ab jetzt öfter tun! :)

    Da das zweite Menschenkind sich doch nicht meinen Geburtstag mit mir teilt, wünsche ich weiterhin einen guten Endspurt und Alles Gute für die Geburt!

    Lieben Gruß - Vanessa

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    1. Hallo Vanessa, ich freue mich, dass du nun auch hier zu uns gefunden hast und noch viel mehr, dass es dir gefällt.
      Ich danke dir sehr für deine lieben Wünsche, heute geht es erstmal wieder zum CTG..

      Nochmals liebsten Dank und beste Grüße
      Liebst, Mathilda ;)

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