30 Wochen und ein Blick zurück in die Vergangenheit


Während meiner ersten Schwangerschaft mit Emil malten Felix und ich uns aus wie es wohl sein wird - das Leben mit Kind. Welche "Art Eltern" wir sein wollten und welche wir letztendlich wohl doch eher sein werden. 
Wir wussten, wir wollten gern unser Baby tragen, wie war nicht so wirklich klar denn die Videos zum Binden von Tragetüchern haben uns eher abgeschreckt - aber das wird dann schon irgendwie werden. 
Wir hatten den Plan von einem Beistellbett, aber so mit einem Jahr würde unser Baby dann spätestens allein in seinem Zimmer schlafen. Ich wollte unbedingt stillen, aber bitte nicht länger als die empfohlenen 6 Monate - dann gibt's Brei und dann hat sich das Thema damit auch erledigt. Alles kam so anders.

Rückblickend war ich in den ersten Wochen mit Emil Zuhause so angespannt, wie nie zuvor in meinem Leben. Es herrschte in mir eine schrecklich tiefe Unruhe. Ich gab mir für Emils Erkrankung und jeden kleinen Pieps von ihm die alleinige Schuld. Meine Brust entzündete sich, weil ich viel zu angespannt war. Ich empfand mich als schlechte Mutter, weil ich mein Kind nicht verstand, weil es nicht schnell genug zunahm und und und ..

Es kam der Tag des Zusammenbruchs. Zitternd stand ich unter der eiskalten Dusche und fragte mich weshalb ich so furchtbar bin - zu meinem Baby und zu mir selbst. Durch verzerrte Ansprüche an ein merkwürdiges Mutterbild - durch das Baby einer Freundin, was immer alles eher, besser und schneller konnte. 
Ich begann zu verstehen, dass es sich um ein Baby handelt, mein Baby. Einen kleinen Menschen und ich begann endlich ihn auch als solchen zusehen. Mit seinen Stärken und Schwächen, als das wunderbare Wesen, das er eben ist.

Es war ein langer Weg zu mir als Mama zu finden - auch bin ich noch längst nicht am Ende des Weges angekommen. Ein Weg voller Entscheidungen. Manche sind es wert wiederholt zu werden, andere nicht.


"Elternschaft hat nichts mit Perfektion zu tun. Perfektion ist auch gar nicht einmal das Ziel, nicht für uns, nicht für unsere Kinder. Gemeinsam lernen um in einer unvollkommenen Welt gut zu leben, trotz oder gerade wegen unserer Unvollkommenheiten einander zu lieben, und als Mensch zu wachsen, während unsere kleinen Menschen heranwachsen, das sind die Ziele einer einfühlsamen Erziehung. Frage dich also am Ende eines Tages nicht, ob du alles richtig gemacht hast. Frage dich, was du dabei gelernt hast und dann wachse mit der Antwort."

L.R. Knost





6 Kommentare:

  1. Liebe Mathilda,

    jetzt sind mir besonders beim letzten Abschnitt kurz die Tränen die Nase hoch gewandert...
    Auch ich war beim ersten Kind eine lange Zeit sehr angespannt...
    Die Geburt war traumatisch, der Große weinte oft und sehr, sehr laut und ich hatte so oft das Gefühl, ihn nicht richtig zu verstehen, um ihm entsprechend helfen zu können...
    Erst, als er selber aktiver wurde, selbstständiger und sich gezielter mitteilen konnte, wurde es besser.
    Mein Anspruch war und ist noch immer, eine "gute Mutter" zu sein.
    Perfektion war nicht mein Ziel, was soll Perfektion auch genau sein.
    In meinen Augen wollte ich gut sein...
    Aber was bedeutet das genau?
    Daran, also an meinem eigenen Anspruch, meine eigenen Vorstellungen, scheitere ich häufig, da ich mein Handeln immer sehr reflektiere und werte.
    Ich wünschte, ich wäre da etwas "freier"...
    Etwas milder, objektiver...
    Vielleicht würde mir auch mal ein Feedback von Außen gut tun...
    Ich mache definitiv nicht alles richtig,
    aber ich denke nach, reflektiere, versuche zu lernen und zu ändern.
    Nicht immer ganz einfach und manchmal dauert es auch, bis sich Änderungen etabliert haben.

    Ja, Mama sein ist wirklich ein Weg, auf dem ich mich gerne bewege.
    Ein toller Post von dir!
    Danke dafür!

    Herzlichst
    Julia

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    1. Bei mir ist es diese Idealvorstellung einer Mama, die in meinem Kopf existiert - immer geduldig, immer gelassen, immer einfühlsam .. Ich eifere diesem Ideal hinterher und verpasse dabei soviel schöne Unperfektion. Ich glaube ja, dass das Bewusstsein der eigenen Fehler der erste sichere Schritt hin zu einer Änderung ist.

      Ich danke dir für deine lieben Worte,
      Liebst Mathilda

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  2. Liebe Mathilda!
    Ich besuche nun schon länger regelmäßig deinen Blog und finde ihn echt toll!
    Dieser Artikel ist wirklich großartig, vielen Dank für diese Offenheit und Ehrlichkeit. Er erinnert mich sehr an unsere Geburt (die eine Katastrophe war) und an unser erstes gemeinsames Jahr (das noch katastrophaler war).. Ich habe immer mir selbst die Schuld gegeben, dass alles schief läuft und es hat lange gebraucht, bis ich mich als Mama gefühlt habe..
    Mittlerweile läuft bei uns alles sehr harmonisch und sehr vieles ist so, wie ich es mir vorgestellt habe :)
    Nun steht der Wunsch nach einem zweiten Kind im Raum - der Papa ist schon sehr motiviert, doch ich bin noch am Zweifeln.. Ich habe wirklich Angst vor dem zweiten ersten Jahr! Ich habe Angst, dass es wieder soo lange dauert, bis ich mein Kind verstehe... Und ich habe Angst, dass ich nicht zwei Kindern gerecht werden kann - vor allem, wenn ich an das erste Jahr mit dem Tiger denke...
    Vielen Dank, dass ich diese Zeile hier abladen durfte und ich wünsche dir weiterhin alles alles Gute.
    Liebe Grüße,
    Ricarda

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    1. Liebe Ricarda,
      ich danke dir für deinen offenen Kommentar. Ich kann dich in deiner derzeitigen Lage sehr gut nachvollziehen, ich hatte und habe immernoch Bedenken bei dem Gedanken an unser zweites Baby - keine direkte Angst, doch bin ichauch nicht vollkommen unbeschwert. Jedoch bin ich ganz genau wie du durch diese schwere Zeit gewachsen, wir sind stärker als wir es damals waren. Es mag sein, dass es nicht einfach wird, aber wir haben gelernt und verändert. Für mich st es so schwer mich nicht von meinen Ängsten um Emil - ihm könnte irgendetwas schlimmes passieren - leiten zu lassen, aber ich weiß nun, dass dies meine Ängste sind und Emil hat es verdient angstfrei aufzuwachsen - damit meine ich, dass ich nicht meine Ängste auf ihn übertragen und ihn dadurch einschränken will. Es scheint ein häufigeres Phänomen zu sein, was ich schon so oft beobachten konnte, dass die Väter soviel entspannter sind als wir Mütter. Wir scheinen uns oft an allem die Schuld zu geben und vergessen dabei den Blick auf das jetzt und hier. Mir scheint als wären unsere Männer schon einen Schritt weiter als wir und könnten das erlebte Vergangene ganz einfach in ein besseres Heute übertragen. Ich wünsche dir ganz viel Kraft und alles Liebe auf eurem Weg als Familie. Wie auch immer du dich entscheiden wirst, versuche deine neue Kraft und nicht die alte und vergangene Schwäche zu sehen.
      Liebst, Mathilda

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    2. Vielen lieben Dank für deine großartigen Worte liebe Mathilda!
      Du bist die erste, die mir etwas sagen kann, mit dem ich arbeiten kann.. Bis jetzt kamen ständig Aussagen wie "das zweite Kind wird sicher ganz anders" oder "das schaffst du schon"... Ja, du hast recht - durch schwere Aufgaben wächst man und man verändert sich mit der Situation mit! Man wird stärker und sieht viele Dinge anders -> das sind Grundgedanken, die sich mit einem zweiten Kind für mich vereinbaren lassen und mir Mut machen!
      Der Tigerpapa ist ein Mensch, der eher vor schwierigen Situationen weg läuft oder sie ausblendet - das wusste ich bereits vor dem Tiger.. Doch wer konnte schon wissen, dass so ein wundervolles kleines Wesen so viele Probleme mit sich bringt?! Er hat diese Zeit nicht so schwierig in Erinnerung und er war auch viel unterwegs.. Die Angst ist mitunter auch da, dass er mich bei Probleme mit dem zweiten Kind ebenso wenig unterstützen kann.. Wir haben schon öfter und lange über das Problem geredet und er ist sich dessen auch bewusst - aber wer kann schon aus seiner Haut ;-)
      Mir geht es jetzt auf alle Fälle besser und ich bin froh, dass ich mich überwinden konnte und dir einen Kommentar hier gelassen habe!
      Vielen Dank noch einmal!
      Ich wünsche auch dir alles Liebe und Gute für deine Familie, viel Kraft und Geduld für deine zwei kleinen Schätze und ich werde auch in Zukunft regelmäßig bei dir hier vorbei schauen :)
      Ganz liebe Grüße,
      Ricarda

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    3. Sehr, sehr gern geschehen. Ich glaube es fällt vielen auch schwer sich in die Lage eines anderen wahrhaft hineinzuversetzen und so sind die "du schafft das schon" Sätze meist noch demotivierender als eigentlich beabsichtigt. Ich freue mich, dass ich dir ein klein wenig helfen konnte.
      Nochmals alles Liebe für euch

      Beste Grüße, Mathilda

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